Insgesamt neun große Tore durchbrachen die gesamte Landmauer, jedes mit einer eigenen Geschichte: das Goldene Tor als zeremonieller Haupteingang, das Tor des Heiligen Romanos, das die Osmanen nach der Eroberung schlicht Topkapı, 'Kanonentor', nannten, weil von hier aus die berühmte Belagerungskanone feuerte, sowie das Tor des Charisios, heute Edirnekapı genannt, durch das Mehmed II. nach der Eroberung triumphierend in die Stadt einzog und das während der osmanischen Zeit zum wichtigsten Tor überhaupt wurde, weil hier die Hauptstraße nach Edirne begann. Innerhalb dieses größeren Systems der Stadtmauern von Konstantinopel verdient ein spezifischer Abschnitt der Theodosianischen Landmauer zusätzlich besondere Aufmerksamkeit: das sogenannte Mesoteichion, ein Bereich im mittleren Teil der Mauer, an dem das Gelände leicht abfällt, wodurch dieser Abschnitt strategisch schwächer verteidigt werden konnte als die Mauerteile auf höher gelegenem Terrain, ein architektonischer Schwachpunkt, den sowohl byzantinische Verteidiger als auch osmanische Angreifer 1453 sehr genau kannten.

Genau hier, am Mesoteichion, fiel die Entscheidung über das Schicksal eines tausendjährigen Reiches. Bis heute ist umstritten, wie genau der letzte byzantinische Kaiser tatsächlich starb.
Genau an diesem Abschnitt konzentrierte Mehmed II. während der 53-tägigen Belagerung 1453 den Hauptbeschuss seiner gewaltigen Belagerungskanonen, darunter die berüchtigte, vom ungarischen Ingenieur Orban konstruierte Superkanone, die Steinkugeln von teils über 500 Kilogramm Gewicht verschießen konnte, aber aufgrund ihrer enormen Größe nur wenige Male am Tag nachgeladen werden konnte, ein technisches Detail, das die Belagerung deutlich in die Länge zog.
Der letzte Kaiser an seinem letzten Posten
Am Mesoteichion errichtete der byzantinische Kaiser Konstantin XI. Palaiologos sein eigenes Hauptquartier und leitete von hier aus persönlich die Verteidigung, gemeinsam mit dem genuesischen Söldnerführer Giovanni Giustiniani Longo, der mit seinen erfahrenen Truppen einen wesentlichen Teil der Verteidigung organisierte, bis er in den letzten Stunden der Belagerung schwer verwundet wurde und sich zur Behandlung zurückzog, ein Moment, der von manchen Historikern als entscheidender psychologischer Wendepunkt der letzten Verteidigungsstunden gewertet wird.

Konstantin XI. selbst, der letzte byzantinische Kaiser, fiel am 29. Mai 1453 vermutlich genau in diesem Bereich der Mauer, doch sein genaues Schicksal ist historisch bis heute nicht restlos geklärt: Sein Leichnam wurde nie zweifelsfrei identifiziert, verschiedene zeitgenössische Quellen berichten unterschiedliche Versionen seines Todes, manche sprechen davon, dass er sich seiner kaiserlichen Insignien entledigte und in der Menge der einfachen Verteidiger fiel, um nicht gefangen genommen zu werden, ein historisches Rätsel, das bis heute Anlass für Spekulationen und, in späteren Jahrhunderten, für griechische Volkslegenden über seine mögliche Rückkehr bietet.
Die Legende vom schlafenden Kaiser
Diese Legende vom 'schlafenden Kaiser', der eines Tages zurückkehren und Konstantinopel für die Christenheit zurückerobern werde, verbreitete sich vor allem unter der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches über Jahrhunderte hinweg und blieb Teil der griechischen Nationalmythologie bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert, ein eindrückliches Beispiel dafür, wie aus einem historisch ungeklärten Tod eine langlebige, kulturell bedeutsame Legende entstehen kann, unabhängig davon, was tatsächlich an jenem Maimorgen 1453 geschah.


Heute ist der Mesoteichion-Abschnitt einer der am besten erhaltenen und zugleich am wenigsten touristisch überlaufenen Teile der gesamten Mauer, mit deutlich sichtbaren Einschlagsspuren und teilweise eingestürzten Mauerabschnitten, die noch heute erahnen lassen, mit welcher Wucht der wochenlange Kanonenbeschuss auf genau diese Stelle einwirkte.
Wer diesen konkreten Mauerabschnitt besucht, statt nur die touristischen Hauptattraktionen der Altstadt abzugehen, steht buchstäblich an dem Punkt, an dem sich am 29. Mai 1453 innerhalb weniger Stunden das Schicksal eines über tausendjährigen Reiches endgültig entschied, ein historisch dichterer Ort als fast jeder andere in der ganzen Stadt.
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